Die Kunst des Weglassens: Scrum Master:innen im KI-Zeitalter

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Wenn KI das Bauen fast kostenlos macht, wird Hinhören zur wichtigsten Aufgabe von Scrum Master:innen.

Schneller ist nicht besser

Ich habe in meinem Berufsleben viele Technologiewellen erlebt, und bei jeder dachten wir, schneller ist besser. Als ich 1984 bei Bosch einen der ersten IBM PCs programmierte, war das so. Beim Internet war es so, und auch in den ersten Jahren der agilen Bewegung, als viele Teams Scrum vor allem als Weg verstanden, mehr in kürzerer Zeit zu liefern.

Jede dieser Wellen hat mir am Ende dasselbe gezeigt: Die Geschwindigkeit war nie das eigentliche Problem. Das Problem war immer, ob wir das Richtige bauen. Genau diese Lektion erlebe ich gerade wieder, und zwar mit einer Wucht, die ich so noch nicht gesehen habe.

Erst Erleichterung, dann Komplexität

In Teams, die neu mit KI arbeiten, beobachte ich immer wieder dasselbe Muster. Am Anfang ist die Erleichterung groß, weil die KI User Stories, Tests und Code in kurzer Zeit erledigt. Aufgaben, die früher Tage gekostet haben, sind in Minuten erledigt.

Doch nach einigen Wochen steigt die Komplexität, denn es entsteht unendlich viel Code und mit ihm ein altes Problem in zehnfacher Größe: Features, die keiner braucht.

Ich erlebe das jeden Tag auf meinem iPhone. Meine Apps haben unzählige Funktionen, von denen ich nur einen Bruchteil nutze, und der Rest stiftet vor allem Verwirrung. Früher hat uns die Knappheit geschützt, weil Entwicklung teuer und langsam war. Diese natürliche Bremse fällt mit KI weg.

Ein agiles Prinzip, wichtiger denn je

Im agilen Manifest gibt es ein Prinzip, das in vielen Teams eher am Rand steht: „Einfachheit, die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren, ist essenziell.“

Ich habe dieses Prinzip über viele Jahre in Scrum-Trainings erklärt, und oft wurde es als schöne Idee abgenickt und dann vergessen. Heute glaube ich, dass es noch nie so wichtig war wie jetzt. Wenn eine KI in einer Stunde zehn Features bauen kann, liegt die eigentliche Leistung eines Teams nicht mehr im Bauen, sondern im bewussten Weglassen.

Die neue Rolle der Scrum Master:innen

Viele Scrum Master:innen fragen sich gerade, ob es ihre Rolle in zwei Jahren noch braucht, wenn KI Sprints plant, Backlogs strukturiert und Retrospektiven auswertet. Ich verstehe diese Sorge, und ich nehme sie ernst.

Meine Antwort ist trotzdem: Ja, die Rolle wird gebraucht, und zwar mehr als vorher. Sie verändert sich aber. Wer als Scrum Master:in vor allem Meetings moderiert und Artefakte pflegt, konkurriert ab jetzt mit der KI. Wer Menschen begleitet, wird wichtiger.

Denn wenn das Bauen fast nichts mehr kostet, wird etwas anderes knapp: die Fähigkeit zu spüren, was Menschen wirklich brauchen, und der Mut, im Team auch einmal Nein zu sagen. KI kann Features erzeugen, aber sie fragt nicht, wer sie eigentlich braucht. Sie merkt auch nicht, dass im Daily jemand still geworden ist. Genau hier liegt die Arbeit von Scrum Master:innen.

Was das in den Scrum-Events konkret heißt

  • Refinement: nicht nur fragen, wie wir etwas bauen, sondern wer es braucht und woran wir merken, dass es hilft.
  • Sprint Review: mit echten Nutzer:innen sprechen, statt nur Funktionen vorzuführen.
  • Retrospektive: auch fragen, welches Feature wir hätten weglassen können.
  • Daily: darauf achten, wer still geworden ist, denn auch das ist ein Signal, das keine KI erfasst.
  • Mit dem Product Owner: gemeinsam den Mut stärken, Nein zu sagen, auch wenn ein Feature in einer Stunde gebaut wäre.

Weniger bauen, besser hinhören

Die KI-Welle ist die größte, die ich in meiner Karriere gesehen habe. Sie nimmt uns viel Routine ab, und das ist gut so. Aber sie nimmt uns nicht die Verantwortung ab, zu entscheiden, was in die Welt kommt und was nicht.

Weniger bauen und besser hinhören, das klingt einfach und ist doch eine Haltung, die man üben muss. Man darf sie lernen, Schritt für Schritt und gemeinsam mit anderen.